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Vorstandsreise: 19. Februar - 5. März 2004
Auf " Inspektion" der FSS - Projekte, von Silvia Arnet
Wir liegen in unseren Zelten, mitten in den Moru Kopjes, im Süden der Serengeti und lauschen den vielfältigen Stimmen der afrikanischen Nacht. Doch ein Geräusch lässt sich nicht einordnen: es erinnert an PET Flaschen, die eben zerdrückt werden. Unsere afrikanischen Begleiter werden am Aufräumen sein, ist der erste Gedanke. Allerdings, das ganze ohne ein Wort, ohne Licht? Der Strahl meiner Taschenlampe erhellt die Situation: in nur 10 Metern Entfernung zerbeisst eine stattliche Löwin genüsslich eine Mineralwasserflasche, welche wir auf dem Campingtisch haben stehen lassen. Sie lässt sich durch den Lichtstrahl nicht stören. Ein zweites Tier trottet nach links weg, direkt auf das noch züngelnde Lagerfeuer zu. Keine Spur von Angst vor der Flamme!
Vor dem Nachbarzelt kippt derweil das Waschbecken, mit welchem eine weitere Löwin neugierig spielt. Nach wenigen Minuten ist das Schauspiel vorbei, die Königinnen der Tiere verschwinden lautlos im Dunkel der Nacht. Keinen Moment habe ich Unbehagen verspürt, nur Staunen und Dankbarkeit, eine solche Szene erleben zu dürfen.
 
Dies war nur einer von vielen einmaligen Momenten, welche wir auf unserer Informationsreise mit einer Delegation des FSS-Vorstandes erlebt haben.
Der eigentliche Sinn und Zweck dieser Fahrt durch die nördlichen Schutzgebiete Tansanias bestand jedoch nicht in prickelnden Begegnungen mit Wildtieren oder schönen Fotosujets. Vielmehr war es dem FSS-Gründungsmitglied und Afrikadelegierten David Rechsteiner ein Anliegen, dem Vereinskassier Bruno Karle und mir als „neue“ Vorstandsmitglieder möglichst viele FSS-Projekte zu zeigen. Gleichzeitig bot sich damit die Gelegenheit, eine Bestandesaufnahme durchzuführen über den Zustand der Rangerposten und Strassen.
 
Ausserdem wollten wir die Tradition des FSS aufrechterhalten, der als kleiner, aber feiner Verein den persönlichen Kontakt zu den tansanischen Exponenten des Wildschutzes pflegt.
 
Von ausfliegenden Schülern
Unser erstes Ziel war die Dorfschule Nkoanekoli im Bezirk Arusha: um 8.30 Uhr standen artig und ruhig Schülerinnen und Schüler verschiedenen Alters in blau-weissen Uniformen auf dem weiten Vorplatz. Sie warteten auf uns, aber viel sehnlicher warteten sie auf den Start zu ihrer zweitägigen Safari in den Manyara- und den Tarangire Park!
Begrüssungslied, Fototermin, Händeschütteln – dann endlich durften die 45 Kinder und 3 Begleitpersonen in den 25-plätzigen Bus einsteigen....Entgegen unseren Befürchtungen fanden alle einen (halben) Platz, ohne Drängeln und Schimpfen, dafür mit Disziplin und Toleranz!
Winkend fuhren sie los auf dem Holpersträsschen, bis sie dann nach mehrstündiger Reise zum ersten Mal im Leben „ihren“ Wildtieren begegneten.
Wir trafen dieselbe Gruppe am nächsten Morgen wieder beim Eingang zum Tarangire Park. Die Kinderaugen leuchteten beim Aufzählen der gesehenen Tiere: Löwe, Zebra, Elefant, Hippo, Gnu und viele mehr. Auch die Uebernachtung in der Jugendherberge und die reichhaltig gefüllten Lunchpakete liessen den Schülerausflug zum unvergesslichen Erlebnis werden.
 
Das Treffen mit den tansanischen Schulkindern war für uns die Bestätigung: der FSS liegt richtig mit dem Sponsoring von Bildungs-Safaris. Unmittelbar bereiten sie grosse Freude, wecken das Interesse der Kinder an den Wildtieren und fördern ihr Wissen über die einheimische Fauna. Und langfristig betrachtet wird diese junge tansanische Generation die Naturreichtümer ihres Landes hoffentlich weiterhin sorgsam und nachhaltig schützen.
 
Der FSS möchte das Schüler-Projekt mindestens so lange weiterführen, bis sämtliche Kinder der Schule Nkoanekoli davon profitieren konnten.
 
Von Grenzstrassen, Furten und Schlaglöchern
Im Tarangire Park haben wir die östliche Grenzstrasse südwärts bis zum Loiborserit-Posten abgefahren. Diese Verbindung war vor kurzem wieder hergestellt worden mit FSS-Geldern, das heisst, sie wurde von wuchernder Vegetation befreit und mit einem Grader geebnet. Als Resultat präsentiert sich nun zwar keine Teerstrasse nach mitteleuropäischer Manier, sondern vielmehr ein Feldweg aus roter Erde, teilweise mit Gras bewachsen. Aber das Ziel ist erreicht: die Parkgrenze ist wieder klar ersichtlich und das Vorwärtskommen für Ranger und Touristen gewährleistet. Lediglich ein paar Furten müssen verstärkt werden, sie sind vom Wasser unterspült worden.
 
Zu gerne hätten wir dem jüngsten Kind des FSS, dem Kimotorok-Rangerposten ganz im Süden des Tarangire einen Besuch abgestattet. Doch die starken Regenfälle der letzten Tage hatten den Weg unpassierbar gemacht. Der FSS wird die Sanierung dieses letzten Wegstückes demnächst anpacken.
 
Auch im Westkorridor der Serengeti musste sich die FSS-Delegation den Naturgewalten beugen: die geplante Besichtigung der im Bau befindlichen neuen Furt über den Grumeti-Fluss fiel buchstäblich ins Wasser! Es gab nichts zu sehen, die Baustelle war überflutet und der Bautrupp vorübergehend heimgekehrt. Unterdessen ist die Furt jedoch fertiggestellt und erleichtert die Patrouillenfahrten der Wildhüter ins Gebiet nördlich des Grumeti.
 
Aufsässige Tsetse-Fliegen und Schlaglöcher brachten das Geländefahrzeug und seine Insassen an ihre Grenzen –und sie prägten unseren Abstecher zum Simiyo-Posten in der Südserengeti, am Ende der Welt. Dorthin verirrt sich kein Safari-Jeep, die Ranger und Wilderer sind unter sich. Und Wilderer gibt es laut Berichten in diesem südlichen Dreieck Moru-Simiyo-Duma noch zur Genüge!
 
Im Gespräch mit den Wildhütern kam zum Ausdruck, dass der miserable Zustand der „Wege“ ihre tägliche Arbeit wie die Wasserbeschaffung oder Kontrollfahrten extrem erschweren. Während der Regenzeit benötigen die Ranger für die 56km lange Strecke zum benachbarten Duma-Posten manchmal 3 Tage!
 
Auf der Ladebrücke eines Landrovers stehend, erlebten wir eins zu eins eine solche Patrouillenfahrt mit ihren Tücken...Nicht der Weg als solcher, sondern die zahlreichen Furten, dh. Passagen durch Rinnsale und Gräben, werden nach Regengüssen zu Problemstellen und bedürfen einer dringenden Sanierung. Ueberzeugt werden Bruno Karle und ich dieses wichtige Anliegen der Simiyo-Mannschaft im Vorstand einbringen und im Budget 2005 berücksichtigen.
 
Von Mückengittern und Fledermäusen
Nicht bloss den Verkehrswegen galt das Interesse der drei Vorstandsmitglieder Rechsteiner, Karle und Arnet mit ihren Ehepartnern, sondern auch dem Zustand der vom FSS gebauten Rangerposten. Bis heute sind es sieben an der Zahl, wovon vier in der Serengeti liegen, zwei im Tarangire und ein Posten im südtansanischen Katavi-Park. Immerhin deren drei haben wir aufgesucht im Verlaufe unserer Reise.
 
Nyasirori: In der Ferne der Sabora-Ebene zeichnete sich eine hohe Mauer ab – sie umschliesst die Häuser der Wildhüter zum Schutz vor Uebergriffen von den Wakurio, einem dort ansässigen Volksstamm, welcher hartnäckig an seinen traditionellen Jagdgewohnheiten festhalten will. Denn dieser Rangerposten befindet sich knapp ausserhalb der Serengeti-Parkgrenze, einige Kilometer nördlich des Grumeti.
 
1992 erbaut als erster FSS-Posten, wurde er bereits einmal saniert und hat jetzt abermals Ausbesserungen nötig, wie der Augenschein bewies. Sechs Ranger bewohnen den Posten, zum Teil mit ihren Familien. Die Männer hatten Zeit in Fülle und zeigten uns die Schwachstellen der Gebäude: Feinmaschige Gitter an den Fenstern wären eine willkommene Hilfe im Kampf gegen die Malaria übertragenden Steckmücken. Die Dächer brauchen einen neuen Anstrich als Vorbeugung gegen den Rost. Aus dem Innern der Häuser drang ein beissender Gestank, denn Fledermäuse haben sich unter den Dächern eingenistet. Da sich ein Wildhüter grundsätzlich und ausschliesslich dem Schutz der Wildtiere widmet und Handwerkerarbeit offenbar nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählt, wird der FSS auch diesem Uebel zu Leibe rücken und die Dachunterseiten verschliessen.
 
Kirawira: Ungeschützt und offen präsentierte sich hingegen diese erst seit drei Jahren von Rangern bewohnte Siedlung im Serengeti-Westkorridor, nahe des Grumeti-Flusses. Zwischen den soliden Backstein-Doppelhäusern gackerten die Hühner und spielten Kinder Verstecken hinter den Wasserfässern. Hier lässt es sich bescheiden, aber recht leben – eine wichtige Voraussetzung für gute, motivierte Arbeit im Dienst der Wildtiere.
Einzig die Wasserversorgung bereitet Sorgen, denn die Solarpumpe versagt immer wieder ihren Dienst.
 
Simiyo: Er wurde bereits erwähnt, der Ranger-Posten im südlichen Maswa-Gebiet, im Niemandsland mit Hügeln, dichtem Buschwerk und Tsetse-Fliegen. Unsere Ankunft bedeutete eine willkommene Abwechslung für zehn Ranger und ihre Frauen, welche seit 1996 dort ihren Dienst versehen. Wie in den anderen Posten, verteilten wir Pullover, Mützen und T-Shirts mit FSS-Aufdruck, die in der Schweiz nicht mehr der letzten Mode entsprechen, doch in Tansania zweckmässig und gerne gesehen sind.
Hier beschränkte sich die Mängelliste zum Glück auf die neu zu malenden Blechdächer. Ferner nahmen wir den Wunsch nach kleinen, rasch aufstellbaren Igluzelten entgegen für mehrtägige Operationen zum Aufstöbern von Wilderer-Camps.
 
Von expandierenden Nashörnern
Im Jahre 1994 lebten in der Serengeti, genauer im Gebiet der Moru Kopjes, gerade mal drei Spitzmaulnashörner, nämlich ein Bulle und zwei weibliche Tiere. Bis im Februar 2004 war die Population auf zehn Tiere angewachsen und letzte Berichte erzählen von weiteren vier Geburten!
 
Das will allerdings nicht heissen, dass die Safari-Gäste in der Südserengeti nun fast über die grauen Kolosse stolpern. Ganz im Gegenteil, den wenigsten Besuchern ist das Glück einer Nashorn-Begegnung gegönnt in dieser grossräumigen Gegend.
Doch unsere Pirschfahrt stand unter einem guten Stern. Der Wahrheit halber muss gesagt sein, dass nicht unsere Augen die beiden dunklen Punkte in der weiten Ebene als Nashörner ausmachten, sondern die viel geübteren Augen und die Erfahrung der Moru-Ranger! Sämtliche Männer dieses „Rhinopostens“, auch bekannt als „Michael Grzimek Memorial Ranger Post“ haben die alleinige Aufgabe der Nashorn-Ueberwachung. Ihnen ist, praktisch lückenlos, der momentane Standort jedes Tieres bekannt und so wurden wir denn bis auf etwa 100 m hingeführt zur „Mama Serengeti“ mit ihrer eineinhalbjährigen Tochter. Ein wahrhaft ergreifender Augenblick und ein Erfolg der aufwändigen Schutzmassnahmen!
Seither hat diese Stammmutter der Population bereits wieder ein Kalb geworfen, ihr sechstes Junges innerhalb von zehn Jahren, was für eine Nashorndame absolut rekordverdächtig ist.
Mit dieser erfreulichen Zunahme kommen jedoch neue Herausforderungen auf die zuständigen Parkbehörden zu: mehr Tiere brauchen mehr Platz und verteilen sich somit über ein grösseres Gebiet. Eine ständige Ueberwachung gestaltet sich viel schwieriger oder bedingt mehr Personal und technische Hilfsmittel.
 
Ueberdies plant die amerikanische Organisation VIP in nächster Zeit die Aussetzung von Spitzmaulnashörnern aus Südafrika im Dreieck zwischen Westkorridor und Lobo. Unter den Neuzuzügern wird vielleicht auch „Richi“ sein, der Waisenknabe aus dem Ngorongoro Krater, welcher vorübergehend bei Familie Rechsteiner ein Heim fand und jetzt in einem privaten Park in Südafrika lebt.
 
Eine Durchmischung dieser „nördlichen„ Population mit jener in den Moru Kopjes darf als Fernziel angesehen werden. Doch bis dahin bleibt noch viel zu tun – vielleicht auch neue Aufgaben für den FSS?
 
Von motivierten Tierschützern
Während unserer Informationsreise durch die Nordparks von Tansania hatten wir erfreulicherweise mehrmals die Gelegenheit, mit Leuten Gespräche zu führen, welche sich professionell und engagiert für den Wildschutz in Tansania einsetzen.
 
So wurden wir beispielsweise von Gerald Bigurube, dem Chef der tansanischen Nationalparkbehörde TANAPA mit Sitz in Arusha, zum Gedankenaustausch empfangen. Dieser liess es sich nicht nehmen, dem FSS zu danken für die langjährige, gute und konstruktive Zusammenarbeit.
 
Später konnte die FSS-Delegation mit dem damaligen Tarangire-Parkchef Martin Loibooki und dem Ehepaar Charles und Lara Foley( bekannt durch ihre Elefantenforschung) verschiedene Möglichkeiten der Einbindung der lokalen Bevölkerung in den Tierschutz erörtern.
 
Ebenso sprachen wir im Headquartier der Serengeti bei Justin Hando vor und vernahmen unter anderem, dass er seine vom FSS gesponserte Weiterbildung im Oktober abschliessen wird.
 
Erastus Lufungulo führte uns persönlich durch „seinen“ kleinen, vielseitigen Arusha-Nationalpark und brachte am Schluss noch seinen Wunsch an: Mount Meru taugliche Trekking Schuhe für seine 66 Ranger.
 
Mitarbeiter der Organisation VIP, hinter welcher ein schwer reicher Amerikaner steht, berichteten uns, dass sie nordwestlich der Serengeti ein bisheriges Jagdareal in ein Wildschutzgebiet umgestalten und dort auch die Wiederansiedlung von Nashörnern vorbereiten.
 
Schliesslich verbrachten wir einen Tag als Gäste von Tony Fitzjohn in seinem Refugium, dem Mkomazi Game Reserve. Vor 14 Jahren kam er in dieses leergeschossene, zum Teil bewohnte Gebiet und begann „Ordnung zu schaffen“, gegen heftigste Widerstände von Politikern und Jägern. Heute zeitigt sein unermüdlicher Einsatz einen Erfolg, der sich sehen lassen darf: im hügeligen Buschland an der kenianischen Grenze tummelt sich eine Vielzahl von Tierarten, darunter auch Elefanten, Löwen und Spitzmaulnashörner.
 
Bei all diesen Begegnungen spürten wir viel Wohlwollen, Achtung und Dankbarkeit gegenüber den „Freunden der Serengeti Schweiz“. Die Art und Weise, wie der Verein seine begrenzten Mittel einsetzt, wird geschätzt: nach Bedürfnisabklärungen vor Ort wird (wenn immer möglich) die gewünschte Hilfeleistung erbracht, unter der Kontrolle der beiden Afrikadelegierten. Dieses direkte, persönliche System funktioniert und ist zweifellos ein Gütesiegel des FSS.
 
Von grosszügigen Gastgebern
David Rechsteiner organisierte eine ausserordentliche Reise, er vermochte uns in intensiven zehn Tagen das breite Spektrum der FSS-Projekte zu einem grossen Teil zu zeigen. Auch führte er uns an landschaftlich wunderbare, abgeschiedene Zeltplätze und ermöglichte dank seinem enormen Beziehungsnetz eine Vielzahl an Kontakten zu Leuten, die an vorderster Front tätig sind. Von David’s über 40-jährigen Buscherfahrung sowie seinem Wissen um die Zusammenhänge in der Wildnis konnten wir eine Menge profitieren für unsere weitere Tätigkeit im Vorstand.
 
Seine Frau Lilian zauberte täglich, obwohl fern von Einkaufsmöglichkeit und Kochherd, ein köstliches Mahl auf den Klapptisch im Esszelt und war uns eine herzliche, umsichtige Gastgeberin. Ich denke gerne an die abendlichen Gespräche am Lagerfeuer zurück, wenn Lilian über das Leben auf der Valhalla-Farm erzählte und uns damit die Seele Afrikas ein wenig näher brachte.
 
David und Lilian möchte ich, auch im Namen von Bruno und Vreni Karle und meinem Mann Beni, ganz herzlich danken für diese unvergessliche Zeit!